Das Ross hat ’nen Vogel!

Lotti in der Legokiste

Vor einer Woche kam ein freundlicher Libanese in die Werkstatt und wollte gern ein Kinderrad – wir hatten zufälligerweise noch eins da und er verließ unter vielen Dankesworten die Werkstatt.
Tags drauf kam er wieder, mit einem Vögelchen in der Hand und meinte „Geschenk! Essen!“. Aber da Rösser Vegetarierer sind, fiel diese Option aus.
Der Piepmatz zog dann erstmal in die Lego-Kiste meines Sohnes. Kurz drauf hatte die Biologin meiner WG auch rausgefunden, was er ist: Eine sie! Und zwar aus dem Stamm der Kanarienvögel.   
Da mir immer noch nicht klar war, warum ich dieses Tier essen sollte, frage ich zwei Syrerer, die zur Öffnungszeit da waren, ob im Libanon Kanarienvögel gegessen werden. Die beiden lachten mich aus, meinten, dass seien heilige Tiere und der Libanese hätte nur einen Witz gemacht. 

Dieser Vogel kommt aus Amerika – gut zu erkennen an der feschen Bürstenfrisur

Letzte Woche dann tauchte der Libanese, der eigentlich aus Libyen kommt (1. Missverständnis), wieder im »Ross« auf und ich fragte ihn mit Hilfe eines Übersetzers nach dem kulinarischen Zweck des Vogels. Er machte große Augen und meinte – „Nein, nicht essen! Singen! Der Vogel singt schön!“ (2. Missverständnis). Das tut sie tatsächlich – und ich weiß jetzt sicher, dass Kanarienvögel nicht zum Suppenhuhn taugen. 

 

Belesenes Schrauben

Trotz permanent verschmierter Finger sind wir sind auch Schöngeister und lesen sogar Bücher (, die keine Bauanleitungen sind)! 
So heißt meine aktuelle Lektüre Das Fahrrad – Eine Kulturgeschichte von H.E. Lessing. Da ist ein ganz schönes Nerd-Buch, sowohl was technische Details als auch den Anekdotenreichtum angeht. Und es finden sich einige schöne Zitate, die zeitlos das Radl preisen und seine Entwicklung nachzeichnen. 
 
So schrieb der Italiener Paolo Mantegazzo schon 1893: 
Der Radfahrsport ist der Triumph des menschlichen Gedankens über die Trägheit der Materie: Zwei Räder, welche kaum den Boden berühren, die wie auf Flügeln dich weit forttragen mit einer schwindelerregenden, trunken machenden Geschwindigkeit, ohne den grausamen Schweiß der gepeitschter Zugtiere, ohne das verhaßte Geräusch rauchender Maschinen – ein Wunder von Leichtigkeit, von Einfachheit – ein Maximum von Kraft und ein Minimum von Reibung – der Mensch, der ein Engel werden will, der aus seinem alten hellenischen Grabe erstanden ist und lebendig vor uns steht – das ist der moderne Radler. (S.40)
 
Auch sehr interessant für Auto-Mobilisten, die gern auf Radler schimpfen – dabei sollten sie dankbar sein, denn… „keine frühe technische Innovation – nicht einmal der Verbrennungsmotor – war für die Entwicklung des Automobils so wichtig, wie das Fahrrad“ (James J. Flink, S. 124).
 
Und der viel beschworene „Krieg auf den Straßen“ ist keine neue Erscheinung , sondern schon so alt, wie der Konflikt um knappen Straßenraum. So beschreibt Lessing exemplarisch einen gewaltsamen Zusammenstoß zwischen einem Kutscher und Radlern auf Long Island: … „Ein Kutscher names Jacob Heitz, der sich weigerte, mit seinem Gespann nach rechts auszuweichen, um eine Gruppe von Hundert Radfahrern vorbeizulassen. Als sie weiter klingelten, stellte er sein Gespann quer zu Straße und schaute zu, wie Männer und Frauen abstiegen und ihre Räder durchs Feld um das Hindernis schoben. Das reichte ihm aber noch nicht: Er lenkte sein Fuhrwerk brutal in die Gruppe hinein, fünf Frauen konnten sich nur durch blitzschnelle Absteigen retten. Als ein Radfahrer die Zügel eines der Pferde ergriff, zog Heitz ihm die Peitsche über den Schädel“ (S. 148).
Der Kutscher von Damals ist der SUV-Fahrer von heute? Naja, nur ohne Peitsche. 😉
 

Das Buch ist eine erhellende Lektüre, um die Ahnen eures liebsten Rosses besser kennenzulernen. 

Ausgrabungen in der »Zone«

Hui – wir standen die Tage soviel an der Werkbank und waren in der Weltgeschichte unterwegs – da blieb kaum Zeit für das überaus wichtige virtuelle Leben. Aber nun gibt’s einen kurzen Abklatsch der bewegenden letzten Wochen – in bester Reiseblogmanier. 😉

3m³ Fahrradteile
Vor einigen Wochen rief ein blond-gelockter Jüngling bei uns an (…) und meinte er hätte 3m³ Fahrradteile zusammen gesammelt, die er uns gern spenden würde, weil die aktuelle Wohnung (aka Garage) dieses »Schatzes« geräumt werden muss. Diesem Ruf folgend, machten wir uns an einem verregneten Montagmorgen auf nach Bautzen, zu unserer ersten Dienstreise, um die 3m³ zu besichtigen und zu bergen.
Gegen 10 Uhr standen wir vor den Garagentoren – mit dem Hinweis: »Den zweiten Türflügel könnt ihr erst aufmachen, wenn ihr den Kram, der dahinter klemmt, weggeräumt habt. (…).«

Archäologie für Fahrradfans

Vor uns standen also Kisten über Kisten mit allem, was der »Zonenrad«-Fan sich wünschen kann – ungefahrene Diamant-Gabeln mit Original-Preisschild (EVP: 15,65 Mark), Kisten auseinander gebauter Räder, sicher verpackt in alte Zeitungen usw. usf.

Fachsimpelei der Zonenrad-Fans
Originalverpackt, ungenutzt.

Es war ein bisschen wie Ostern. 
Wir räumten, kramten, sortierten aus – und nach ca. 3h konnte man die große Garage wieder zu 2/3 betreten, der T4-Bus war vollgeladen und waren wir soweit fertig. Leer war die Garage aber noch lange nicht.

Im »Ross« angekommen, wurde kurz drauf der erste »Pneumant Sprint«-Reifen an ein altes Kettler-Sportrad angebaut. Eine feine Form der Wiedervereinigung. Danke an Chefchen und Stefan für die grandiose Teile-Spende!

Wochenend-Schrauben ab Mai

Dank ehrenamtlicher Schrauber:innen (großartig, ölverschmiert, unersetzlich) gibt es ab Mai immer am 
1. Sonnabend im Monat von 14 bis 18 Uhr eine weitere Schrauberzeit. Wahrscheinlich ist dann auch immer ein Kind als Anspielpartnerin am Start. Beste Bedingungen für einen entspannten Ausflug mit Kind und Radl in unsere Werke.

Ein Kinderspiel – nur welches?

Henry & Hilde im Ross

Wir haben gerade zwei neue Mitbewohner! Sie heißen Henry und Hilde, sind Lastenräder, fahren bis zu 150 kg weg, unterstützen deine Beinchen mit einem Motor – und das Beste: Sie können bei uns ausgeliehen werden! 
Dazu geht auf die Seite von Frieda & Friedrich, bucht einen Termin und holt sie euch dann bei uns ab. Das Ganze ist kostenlos – aber der ADFC Dresden, Eigentümer der Räder, freut sich immer über eine Spende. 
Also falls ihr schon immer mal eine Waschmaschine durch die Gegend fahren wolltet – jetzt geht es! Auch ohne Auto!

Bastelstunde #1 – Office Organizer

Inspiriert von der Idee einer Freundin stand ich neulich an der Werkbank und bastelte ausnahmsweise mal nicht an einem Radl rum. Das  Ergebnis könnt ihr hier und auch in der realen Welt bei uns in der Werke bewundern.
Ich hoffe auf schöne Nachbauten von euch – schickt uns gern ein Bild.

Die Bohrungen für die Füße sind zu nah beieinander . Daher hat mein Minion x-Beine…

Ihr braucht: 
– eine Idee für euren Konservenstift-Halter (Einhorn, Minion, Drache, …)
– eine leere Konservendose, möglichst groß (Ananas sind lecker…)
– abgefahrene V-Brake-Bremsklötze (gibt’s bei uns im Mülleimer) + passende Schrauben & Unterlegscheiben
– Kleinkram, um eure Dose „anzuziehen“
– (Acryl-)Farbe zum Bemalen 
– einen 6er-Metallbohrer + Bohrmaschine (mit der Hand wird schwierig)
– Heißkleber oder Sekundenkleber

Ich habe die Dose erst bemalt und dann den Rest gemacht. War doof! Daher begeht nicht den selben Fehler und bohrt erst die Löcher für die Füßchen. Achtet darauf, dass zwischen den Löchern genügend Platz ist, um die Klötze anzubringen.
Wenn die Bremsklötze ungleich abgefahren sind, begradigt sie vorsichtig mit einem Cutter, dass diese Dose am Ende nicht kippelt. Ihr braucht zwei Muttern – eine außen, eine innerhalb der Dose, damit ihr sie gegeneinander kontern könnt und die Füßchen am Ende fest sind.
Wenn die Dose steht, bringt die anderen Utensilien an – so wie in meinem Bsp. die Arme (Loch einbohren, Schrauben einstecken, wieder mit zwei Muttern kontern) und das Auge (Heißkleber).
Danach bemalen! Die Farbe evtl. nochmal mit Sprühlack fixieren.

Damit die Bohrung nicht verrutscht mit einem Körner eine „Delle“ machen.
Beine und Arme aus dem Müll
Farbe zum Bemalen und Ananas zum Naschen

 

 

Umschulung für Schrauben

Bei diesem Schneewetter blieb mir nichts anderes übrig, als mich an der Heißklebe-Pistole zu wärmen. Herausgekommen sind Magneten für unser Projektmanagment-Whiteboard. Let’s get professionel… oder so.
Nachbauen unbedingt erlaubt. Ihr braucht Folgendes

– Magnete, Größe je nach Verwendungszweck
Ich habe welche mit 7mm Durchmesser genommen. Die Gizeh-Papers haben kleine Verschluss-Magnete, die sich ebenfalls gut eignen. Einfach mal ’nen Raucher deines Vertrauens oder die Straße fragen. Findet sich dort gratis. 
– Kleinkram, der als Griff dienen kann (z.B. Würfel, Schrauben, Perlen, leere Batterien, Münzen – siehe Mülleimer und Kramkisten)
– Kleber (Sekundenkleber oder Heißklebepistole)

Heißkleber, Magnete & zukünftige Griffe

Jo, wenn ihr das alles habt, dann legt los! Kleber drauf, Griff drauf, zusammendrücken. Meine Magnete waren so innig, dass ich sie im Klebeprozess immer wieder voneinander trennen musste. Ach, Herzschmerz. Und hier mein Ergebnis:

Der ESF soll den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt ermöglichen. Die war eine Umschulungsmaßnahme für alte Schrauben & Muttern.

 

Lichtblicke

Obwohl der Tag heut‘ bisweilen grau war, gab es drei Lichtblicke. Nr. 1 schon beim Aufschließen.
Eine ältere Dame fragt mich: Was ist denn jetzt hier drin?
Ich: Eine Fahrradselbsthilfewerkstatt, da können Sie kommen und wir erklären Ihnen, wie Sie ihr Rad reparieren können.
Sie: Da kann ich dann mit meinem Rad… also nicht ich, aber meine Enkel. Ja – das ist eine schöne Sache.
Sie berührt mich kurz freundlich am Arm und geht.

Nr. 2 kurz drauf, als eine Freundin durch die Tür schaut.
Sie: Hast du ein bisschen Öl für mich? Meine Kette  hat so gequietscht und da ist mir eingefallen, dass ihr ja jetzt hier seid – da dachte ich, komme ich doch vorbei.
Ich – beim Blick auf die rostige Kette: Ui, die braucht Pflege. Mit Rädern ist es wie mit Männern und Kindern. Wenn man die nicht pflegt. gehen die kaputt.
Sie (schuldbewusst): Ja, ich weiß… ich fahr’s immer nur, bis es auseinander fällt.
– Kette wird geputzt & geölt, das Quietschen verschwindet – 
Sie: Vielen Dank. Bis Bald.

Und Nr. 3. Ein junge Mann aus dem Viertel: Es ist ein Geschenk, dass ihr jetzt hier seid!

Dafür machen wir das! Danke. 

Radl-Runde & Eröffnung

Und da „galoppierten“ wir los – vergangenen Freitag, bei -6°C hatten sich reichlich ein Dutzend Mutige mit Rädern am Bahnhof Mitte eingefunden, um mit Musik der „Sommer-Playlist“ aus der mobilen Box eine Runde durch die Friedrichstadt zu drehen. Es ging vorbei an MAF, Riesa Efau, Lebenshilfe, Rosenwerk, Kraftwerk Mitte, ImNu-Fahrradkurier, dem mittlerweile umgezogenen Radladen Bike Hospital und dem Wohnprojekt Betriebsküche zum Rostigen Ross! 
In unserer Werkstatt erwarteten die kühlen Besucher:innen angenehm (?) warmes (?!) Bier, Früchte-Punsch und Tee, sowie ein Schrauberkino mit den schönsten Fahrradfilmen aus den Untiefen des Webs.
Es wurde über Werkzeuge gefachsimpelt, Detailwissen über Fahrradteile mit Hilfe der goldenen Fühlboxen zum Besten gegeben („Ich erfühle ein Rücklicht der Marke Ruhla, Herstellung in den 80ern“), Räder gemalt, diskutiert, ob die Friedrichstadt weniger Bäume braucht und Möhrchen geknabbert.
Schön war’s! Bis bald an der Werkbank.
PS: So eine Radl-Runde machen wir im Sommer nochmal…